Paolo Giordano – Die Einsamkeit der Primzahlen

von Sandra

So schlimm es auch ist, aber meist sind die unglücklichen Liebesgeschichten, in denen es einfach nicht sein soll, die schönsten. Wenn dann auch noch eine Knallermetapher ohne jeglichen Schleim und Figuren, die authentisch und nicht überperfekt sind dazukommen, dann hat man vielleicht “Die Einsamkeit der Primzahlen” von Paolo Giordano vor sich. Kurz zur Geschichte: Alice und Mattia sind Außenseiter; jeder auf seine ganz eigene Art und Weise. Mattia verbirgt ein Geschichte aus seiner Kindheit, die ihn sein ganzes Leben verfolgen und beeinflußen wird. Auch Alice hat Traumatisches in ihrer Kindheit erlebt, was dafür sorgt, dass sie sich von ihrer Familie immer weiter entfernt und auch von ihrem Körper – sie wird magersüchtig. Durch einen Zufall lernen sich die beiden kennen, werden Freunde, aber nie mehr: obwohl sie füreinander geschaffen sind, was der Leser definitiv weiß, während es die beiden nur erahnen. Sie scheitern auf voller Linie, an gesellschaftlichen Konventionen, der eigenen Angst, Mißverständnissen und vielleicht auch am Leben selbst. Da gibt es nur diesen einen Kuss, der ihnen immer im Gedächtnis bleiben wird, weil er einen Geschmack auf das gab, was da hätte sein können.

Dieses hochtragische Scheitern beschreibt Giordano in einer sehr einfach gehaltenen Sprache ohne großen Schnickschnack, verkommt dabei aber nicht zum banalen Abhaken von Lebensgeschichten und platter Figurenkonstruktion. Eher scheint es mir so, als ob er durch diese Sprache die Figuren noch mehr zum Leben erweckt, weil er näher dran ist. Alice und Mattias Probleme sind vielschichtig und Giordano übernimmt überhaupt nicht den Versuch sie bis ins letzte aufzudröseln und aufzuschlüsseln. Das würde auch niemandem gelingen, denn Verhaltensmuster und Lebenswege sind von so vielen Faktoren beeinflußt, dass man nie aufmachen könnte, welcher jetzt für was verantwortlich ist. Trotzdem begreift man die Figuren. Nachvollziehen kann man ja oftmals das eigene Verhalten nicht, wie sollte man dann das von Romanfiguren?

Am schönsten ist aber die Stelle, die den Titel erklärt, in der es also um Primzahlenen geht. Es gibt aber in der Mathematik ein spezielles Phänomen die Primzahlzwillinge:

“Paare von Primzahlen, die nebeneinander stehen oder genauer, fast nebeneinadner, denn zwischen ihnen befindet sich immer noch eine gerade Zahl, die behindert, dass sie sich tatsächlich berühren. Zahlen wie 11 und 13, wie 17 und 19 oder 41 und 43. Bringt man die Geduld auf, weiter und weiter zu zählen, stellt man fest, dass solche Pärcehn immer seltener werden. Man stößt auf immer weniger Primzahlen [...] und es beschleicht einen das Gefühl, dass die Pärchen, die einem bis dahin begegnet sind, rein zufällig zusammenstanden und das es ihr eigentliches Schicksal ist allein zu bleiben. Aber dann wenn man schon aufgegeben hat und nicht mehr weiterzählen will, stößt man aufein weiteres Pärchen von Zwillingen, die sich eng umschlungen, aneinander festhalten. Mathematiker sind davon überzeugt, dass man egal wie weit man fortschreitet, immer wieder solchen Zwillingen begegnen wird, obwohl niemand sagen kann, wo sie stecken, bis man sie tatsächlich gefunden hat.”

Das ist eine so wunderbare, klare und schnörkellose Metapher für die Situation, in der Mattia und Alice stecken und die unerfüllte Liebe als solches.