Mathias Döpfner und die Realität

von Marcel

Nach geraumer Zeit der Abstinenz (und reichlich verwirrenden Dingen im Echten Leben™) melde ich mich wieder mit gewohnt herzerfrischenden Neuigkeiten aus der Welt der Rechtschaffenden und Guten.

Herr Döpfer, seines Zeichens nach Chef des Springer-Konzerns und weithin bekannt für seine feinsinnig differenzierte Analytik, lässt mal wieder einen vom Stapel. So wie auch schon Kollege Burda wettert er ja nun bereits seit ungezählten Monden über die hochproblematische und irgendwie auch selbstverschuldete Situation des kostenfreien Online-Contents in der deutschen Presselandschaft. Für die zwei Leute, die das vielleicht noch nicht mitbekommen haben, eine kurze Zusammenfassung.

Weil praktisch die gesamte Printausgabe zeitgleich kostenfrei online verfügbar ist, hat man Angst, die Leser könnten das tatsächlich merken und aufhören, für die Printausgabe zu zahlen. Beziehungsweise ist das bereits passiert. Das war so lange egal, wie man den Leser a) für dumm verkaufen und b) den Hals nicht voll genug kriegen konnte – wollte man doch an diesem neuen Trend, dem “Internet” teilnehmen und mit gießkannenartiger Werbeplatzierung zusätzlich zum bestehenden Papiergeschäft kassieren. Klingt selbstverständlich absolut einleuchtend. Wobei “b)” potenziell noch immer unverändert bleibt, wurde mittlerweile trotz massiver interner Widerstände gegen besseren Wissens begriffen, dass eine neue und technikaffine Generation nachgewachsen ist, die dieses “Internet” als primäre Informationsquelle nutzt. Also in kurz: weil die Kohle nicht fließt wie gewünscht ist der Leser schuld. Ob es da – wie in der Musik- und Filmindustrie – eine komplexere Verkettung vielschichtiger Faktoren und letztlich auch der Qualität gibt, wird – wie in der Musik- und Filmindustrie – lieber mal nicht diskutiert.

Apropos Qualität: Herr Döpfner ist auch ganz weit vorne, auf die Notwendigkeit von so genanntem “Qualitätsjournalismus” hinzuweisen. Eine solide Demokratie ohne Eliten und Machtzentren, Privatagendas und Zensurbestrebungen braucht eben ein Kontrollorgan um sicherzustellen, dass es auch so bleibt. Anders als sein Kollege Hubert Burda lehnt er eine staatliche Subvention jedoch ab. Burda sieht das nicht so: notfalls soll die Politik eben eine Mediensteuer einführen, die den Qualitätsmedien zu Gute kommt. Stimmt, gute Berichterstattung ist notwendig. Was wäre die deutsche Presselandschaft nur ohne “Bunte”, “Freizeit Revue”, “InStyle”, “Super Illu” und “Lisa”. Schon interessant, wie die einstig glühenden Verfechter der Marktwirtschaft nach staatlicher Marktregulierung schreien wenn man die eigenen Kunden nicht mehr versteht und damit Penthouse wie Porsche bedroht sind. Es ist zwar unstrittig, dass es immer noch ganze Jahrgänge heruntergesendeter Multitainmentzombies in permanentem Nahtodstadium gibt, aber Vorsorge ist besser als gar kein Porsche.

Das Thema war aber die Ankündigung von Herrn Döpfner in einem FAZ-Interview, zukünftig Bezahlcontent für so genannte “Smartphones” anzubieten. Ziel ist wie so oft mittlerweile das iPhone. Denn, so Herr Döpfner:

[…] die Zahlungsbereitschaft ist gerade bei Mobilfunkkunden, insbesondere bei Besitzern des iPhones, groß.

Na, da bin ich aber gespannt. Die meisten iPhone-User die ich kenne und durch meinen Job (im Apple-Umfeld) kennenlerne sind in erster Linie an kostenfreien Applikationen und Inhalten interessiert. Selbst einem erklärten Twitter-Addict sind die 2,39 EUR für einen vernünftigen Client dann doch zu viel. Ganz nebenbei sind es nicht Konsumenten der Springer-Presse – meinen Vater und Computerbild mal außen vor gelassen. Das gesamtdeutsche Bild sieht da trotzdem wahrscheinlich anders aus.

In einer Nachfrage von DWDL.de liest sich folgende Passage:

Auf Nachfrage des Medienmagazins DWDL.de bestätigte ein Springer-Sprecher am Donnerstagnachmittag, dass sich mit Erscheinen der neuen Bezahl-Applikation die regulären Internet-Angebote von “Bild” und “Welt” mit dem iPhone nicht mehr ansteuern lassen werden. Für andere Smartphones, zum Beispiel der Hersteller Nokia und Blackberry, gelte diese Beschränkung nicht, so lange es noch keine entsprechende Anwendung gebe. Eine Diskriminierung von Apple-Nutzern, die die Inhalte von “bild.de” und “welt.de” künftig kostenlos nur noch per Laptop oder über einen stationären Rechner lesen können, sieht man darin nicht.

Ich weiß jetzt wirklich nicht, ob ich nur noch lachen soll oder ob dies der wichtigste Schachzug der etablierten Presse gegen die neue digitale Welt ist. Ich tippe auf Lachen. Der Zugriff soll nämlich nur für iPhones gesperrt werden. Köstlich.

Ich prophezeie eines der folgenden Szenarien oder eine Mischung aus diesen:

  1. 3 Minuten nach der offiziellen Sperrung von Mobile Safari (dem Webbrowser vom iPhone) geht eine Proxy-Seite live, die “bild.de” und “welt.de” vorgaukelt, ein Blackberry oder Nokia zu sein. Zuerst gibt es diese in Deutschland, wird aber per Abmahnung kurzfristig ausgeschaltet. 1 Minute nachdem die Abmahnung öffentlich wird gibt es die gleiche Proxy-Seite in Russland, Japan, Cuba, Luxemburg und Togo.
  2. Es wird eine Webapplikation ähnlich Instapaper erstellt, die aber alle Artikel automatisch cached. Internationale Verortung sieht Punkt 1.
  3. Potenzielle Leser benutzen Instapaper oder Read It Later um die Inhalte auf dem Laptop zu sichern und auf das iPhone zu übertragen. Dabei stellen sie fest, dass sie keine Werbung sehen und die Artikel viel schneller laden.
  4. Sie fühlen sich von Springer hintergangen und fangen an, die Konkurrenz zu lesen. Dabei stellen sie fest, dass die Konkurrenz nicht das iPhone blockt und gleichzeitig höhere Qualität liefert.
  5. Die BILD.DE IPHONE APP (die Großbuchstaben sind Absicht) für 7,99 EUR inkl. 30 Tagen Nutzung der Premium-Inhalte (danach per In-App-Kauf 9,99 EUR/Monat) verkauft sich genau 150-mal. Damit sind noch nicht einmal die Entwicklungskosten gedeckt.
  6. Die Leser bleiben bei der Papierausgabe und checken online nur via Computer.

Ich kann mich natürlich auch irren und sie machen vieles richtig: eine vollintegrierte Applikation mit einstellbaren Interessenbereichen, Premium-Video, Notifications nach vorgegebenen Kriterien, null Werbung, Zugriff auf komplett durchsuchbares Archiv, Cross-Referencing, Download der Artikel zum Offline-Lesen und noch etliches mehr. Eine wirkliche Applikation eben und nicht nur ein Gateway mit Bezahlfunktion. Dann würde das einen wirklichen Mehrwert bieten und sogar zur mobilen Recherche taugen.

Da gibt es nur noch ein klitzekleines Problem: das braucht und will weder die Zielgruppe von “bild.de” noch von “welt.de”.