Anthony McCarten – Englischer Harem
von Sandra
Der Vorteil in einer ziemlich langweiligen Stadt zu leben ist: Man hat mehr Zeit zum lesen, Musik hören und DVDs gucken. Und wenn dann noch der Herbst beginnt, muss man nicht mal mehr ein schlechtes Gewissen haben, wenn man drinnen abhängt.
Zum Inhalt von Anthony McCartens Roman “Englischer Harem” sei eines vorweg geschickt: Es fällt mir ähnlich schwer die Geschichte so zu beschreiben, dass ich ihr gerecht werde und dass es nicht total banal und bescheuert klingt. Dasselbe Problem habe ich auch, wenn ich den Inhalt der Serie “Heroes” zusammenfassen soll. Eigentlich ist das eine Serie über Menschen mit Superkräften, was im ersten Moment seltsam klingt und an die schlimme TV-Produktion von Batman aus den 80ern erinnert, der Serie aber nicht gerecht wird und auch nicht wirklich treffend ist, wie Leute, die sie kennen wissen. Bei McCartens Roman wäre meine Beschreibung: Junges Mädchen verliebt sich in alten Mann, der schon zweimal verheiratet ist. Ich sehe die kritischen Gesichter und gerümpften Nasen schon vor mir und hole deswegen weiter aus. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen der mittelalte persische/iranische Restaurantbesitzer Sam und das junge englische Mädchen Tracy. Sie lebt in einer Traumwelt, die sie wegbringt aus der muffigen Realität, in der sie als Arbeiterkind in einem Hochhaus, das so baufällig ist, dass sich die Wände in alle vier Himmelsrichtungen auf einmal neigen, aufwächst. Er ist mit zwei Frauen gleichzeitig verheiratet, mit beiden aus Mitleid und ist seinen Frauen höchstens auf freundschaftlicher und geistiger Ebene nah, nicht aber körperlich. Tracy ist fasziniert von diesem Mann, seiner Lebensgeschichte, seinen Ansichten und seinem Wesen. Sie verlieben sich ineinander und geben einander das, was sie nie bekommen haben: Tracy bekommt eine Aussicht auf eine Zukunft, die sie sich nie hätte vorstellen können, fernab vom 23. Stock im Hochhaus, allerdings auch jenseits der Moralvorstellungen ihrer Eltern und der Gesellschaft. Sam bekommt die Neugier, Aufmerksamkeit und die Leidenschaft der jungen Tracy. Natürlich ist die Konstellation drei Frauen und ein Mann undenkbar und stößt nicht nur dem Gesetz sauer auf, so dass Tracys Traum zu enden droht.
“Englischer Harem” zeichnet ein Bild von Beziehungen und menschlichem Miteinander, dass für westlich genormte Wertvorstellungen im ersten Moment unvorstellbar erscheint, in der Geschichte aber Sinn ergibt. Die Personen finden aufgrund ihrer ganz eigenen Lebensgeschichte zueinander. Der Roman ist sicherlich kein Plädoyer für Polygamie, sondern für Toleranz gegenüber anderer Lebensentwürfe. Das kommt ungewöhnlich elegant, gar nicht plump und ohne erhobenen Zeigefinger daher. Auch ist der Roman in keiner Weise naiv oder blauäugig, denn natürlich scheitern die Protagonisten in einer gewissen Weise, aber nicht ohne Spuren beim Leser hinterlassen zu haben. Einmal genauer hinschauen bevor man mit dem Kopf schüttelt und andere Menschen und deren Leben abtut, denn vielleicht ist es für sie ja genau das richtige. Dazu ist dieses Buch fantastisch geschrieben, lässt einen mit den Figuren lachen, wütend sein aber auch weinen.
Meine Empfehlung also: Lesen und dazu Tasse Tee und draußen den Herbstwind die Blätter (in urbanen Gegenden wahlweise Müll oder Plastiktüten) herumwirbeln lassen.