BTX, oder: so war das damals, vor dem Internet

von Marcel

Ein wenig Geschichte der deutschen Telekommunikation. Als die Telekom noch Post hieß und ein staatlicher Laden mit Beamten war, machte der Hamburger Chaos Computer Club Schlagzeilen mit einem Hack des Bildschirmtext-Systems. Bezeichnend für das Technikverständnis gestern wie heute ist der abschließende Kommentar vom damaligen Vorstand der Hamburger Sparkasse, Benno Schölermann: “…wir haben unser persönliches Kennwort sofort geändert, so dass Herr Holland nicht ein weiteres Mal mit diesen Mitteln uns benachteiligen kann.” Hintergrund des Hacks war allerdings ein grundlegendes Problem des Systems an sich. Der Hack kann also unabhängig vom Passwort beliebig oft wiederholt werden, da das – vorher natürlich unbekannte – Passwort durch den Hack in Erfahrung gebracht wurde. Bemerkenswerter Unterschied zu heute ist allerdings, dass Herr Schölermann “alle Hochachtung vor der Tüchtigkeit dieser Leute” hat. Denn aktuell würde versucht, eine Veröffentlichung per einstweiliger Verfügung zu verhindern und die Jungs nach bereits erfolgter Veröffentlichung entweder bis aufs letzte Hemd zu verklagen. Möglicherweise würden sie gar in Terrorverdacht geraten.

BTX war natürlich mit nichts und niemand außer mit sich selbst kompatibel, katastrophal unsicher und sensationell unsinnig in der Spezifikation. Also genau das Ergebnis, das heute genau so passieren würde, setzte man Beamte zur Entwicklung neuer Technologien ein. Ich bin mir sicher, es gab genaue Normen und Abhandlungen über jede einzelne darzustellende Farbe und jeden Buchstaben. Eine “freudige Leidensgeschichte” zu BTX lässt sich passend dazu bei ComputerClub 2 nachhören. Die originalen Recken des WDR Computerclubs von damals, Wolfgang Back und Wolfgang Rudolph, ergründen gemeinsam mit Gästen die Faszinationen und Sorgen vergangener Tage.

Beim Hören hatte ich dann auch schlagartig das Bild vor Augen, wie ich mit dem Kassettenrekorder vorm Fernseher kniete und den zweiten Tonkanal mitschneiden wollte. Damals wurde die Computerclub-Software per Audio übertragen – übers Fernsehen! Ja, das war damals Pionierarbeit und schwer beeindruckend. Geklappt hat es bei mir nicht so oft, dafür hätte ich wohl einen vernünftigen Audioadapter verwenden müssen.

Genau erinnern kann ich mich auch, wie ich mit Vaters BTX-Anschluss zuerst per Amiga und später per lahmem PC unter DOS und Windows 3.x versucht habe, dem BTX-System etwas Nutzen zu entlocken. Für mehr als die erste Begeisterung für vernetzte Systeme hat es dann aber doch nicht gereicht. Zu umständlich, langsam und nervig war das. Aber der Funke war da. Mailboxen und FidoNet waren da schon deutlich interessanter. Zusammen damit hielt auch OS/2 bei mir Einzug. Kennst das eigentlich außer mir noch wer?

Meine alte FidoNet-Nummer habe ich trotz intensiver Recherche alter Ausdrucke nicht mehr finden können. So was fiel dem chronisch fehlenden Speicherplatz damals ganz schnell zum Opfer.