“Killerspiele” und der Wahlkampf

von Marcel

Die Innenminister von Bund und Ländern sind der Auffassung, dass First Person Shooter (so der korrekte, wertungsfreie Name) in Deutschland verboten gehören.

“Durch Killerspiele sinkt die Hemmschwelle zur Gewalt”, sagte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann zu “Welt Online”. “Amokläufer haben sich vor ihren Taten immer wieder mit solchen Spielen beschäftigt.” Der CDU-Politiker forderte den Bundestag auf, das Herstellungs- und Verbreitungsverbot noch vor der Bundestagswahl zu ermöglichen. (via Spiegel Online)

Die Amokläufer haben sich vor Ihren Taten auch mit E-Mail beschäftigt. Wahrscheinlich auch mit Instant Messengern, You Tube, Google und dem Word Wide Web allgemein. Dann haben sie sowohl Filme aus der Videothek ausgeliehen als auch Privatfernsehen geschaut. Es wurde oft und ausgiebig belegt, dass kein direkter Zusammenhang zwischen gewalttätigen Medien und gewalttätigem Verhalten besteht. Auszug aus Wikipedia:

Der Zusammenhang zwischen virtueller Gewalt in Computerspielen und realer Gewalt ist dabei wissenschaftlich umstritten. Das Spektrum der diskutierten Wirkung geht von keinerlei Auswirkung über Aggressionssteigerung/Verrohung bis zum Aggressionsabbau (Katharsiseffekt). In neueren zusammenfassenden Untersuchungen, etwa der Universität Bielefeld oder des kanadischen Psychologen Jonathan Freedman, wird darauf hingewiesen, dass kein direkter, ursächlicher Zusammenhang zwischen medialer Gewaltdarstellung (z. B. in Ego-Shootern oder sogenannten „Splatter-Filmen“) und Gewalthandlung erkennbar sei. Eine Anzahl von Fachleuten sieht Gewaltdarstellungen mit einem Wirkungsrisiko verbunden, d. h. bei bestimmten Gruppen oder Individuen könnten diese in Verbindung mit anderen Faktoren (etwa soziales oder familiäres Umfeld; Prädisposition) zu erhöhter Gewaltbereitschaft oder aggressivem Verhalten führen; wobei die Rolle der medialen Gewalt hier relativ kleiner wirke. Viele Spieler selbst sehen keine Aggressionsförderung durch solche Spiele. (Quelle)

Keiner dieser sauberen Herren erwähnt auch nur mit einem Satz, dass bereits eine effektive Kontrolle der Verbreitung gewalttätiger Spiele für Minderjährige existiert: das Jugendschutzgesetz. Was helfen neue Gesetze und Regelungen, wenn es an der Basis nicht funktioniert: der Familie. Eltern haben die Pflicht, die Entwicklung Ihrer Kinder kritisch zu beobachten und den Zugang zu Material, das für Ihr Alter nicht geeignet ist, zu unterbinden. Das Problem ist eher die mangelhafte Medienkompetenz der Eltern und Lehrer sowie das Ignorieren von frühen Signalen. Kinder haben eher ein Problem mit der gewalttätigen Realität als der Fiktion.

Dafür sprechen auch die Tests der Fernsehsendung Quarks & Co., die in der Sendung “Wie viel Bildschirm verkraften unsere Kinder” das Aggressivitätspotenzial von Spielern so genannter “Killerspiele” überprüft haben. Das Fazit klingt neutral und einleuchtend:

Unser Test ist übrigens kein Plädoyer für Killerspiele. Für Menschen, die ohnehin aggressiv sind, können gewalthaltige Spiele durchaus die Situation zuspitzen. Und man muss kritisch die Frage stellen, warum es Spaß machen kann, am Computer Spielfiguren zu töten. Doch in gewalthaltigen Spielen die Quelle des Bösen zu sehen und einen Automatismus von virtueller Gewalt im Spiel zu realer Gewalt anzunehmen wird dem komplexen Phänomen nicht gerecht. (Quelle)

Ob mit oder ohne Verbot, was passieren wird ist folgendes:

  • Die wenigen Spieleentwickler, die in Deutschland erfolgreich arbeiten, werden den entsprechenden Bereich outsourcen, einstellen oder gleich den Firmensitz verlegen.
  • Die Verbreitung der First Person Shooter wird nicht abnehmen. Das Internet bietet reichlich Möglichkeiten, die Software illegal zu besorgen. Selbst ohne Internet wird kopiert.

Damit kumuliert sich der gesamte Erfolg dieser Maßnahme auf wirtschaftlichen Schaden. Mal ganz abgesehen davon, dass die moderne Spieleentwicklung der Hochtechnologie (z.B. künstliche Intelligenz) Vorschub leistet – einem Bereich, in dem Deutschland eine führende Position einnehmen möchte.

Es geht nicht darum, was das Spiel darstellt, sondern wie damit umgegangen wird. Wir haben viele potenziell gefährliche Gegenstände um uns herum, die wir nicht verbieten. So kann ich Fahrzeug dazu benutzen, Menschen zu transportieren, ein Messer um Nahrung zu bereiten, einen Baseballschläger um Sport zu treiben. Mit diesen Gegenständen kann ich allerdings auch töten. Werden Sie deshalb verboten?

Diese populistische Ausschlachtung populistischer Themen für den Wahlkampf kotzt mich an. Kein Wunder, warum sich hier für Politik kaum mehr jemand interessiert. Es wurde einfach verstanden, dass es recht egal ist, wer denn nun warum und wie gewählt wurde. Denn was bei dem Lotteriespiel Koalition am Ende raus kommt, kann vorher sowieso niemand sagen. Auch die Versprechungen vor der Wahl entsprechen nur noch in Ausnahmefällen der politischen Realität danach. Seit wann wurde das Lügen eigentlich salonfähig?

Nach der Politik-Verdrossenheit macht sich der Politik-Ekel breit. Die Verachtung, mit der die Politik ihren Bürgern entgegentritt, ist schlicht atemberaubend. Es geht um Image, nicht um Inhalte.

Doch jetzt kommt die erste Generation, die mit den digitalen Technologien aufgewachsen ist, weiß, wovon sie spricht und mischt sich ein. Diese Generation lässt sich ihre digitale und soziale Welt nicht wegnehmen. Es entsteht eine ernste Situation: Politik vs. Bürger. Denn was sich die Damen und Herren in Berlin fragen müssen ist, ob sie wirklich noch die Interessen der Bürger vertreten, im besten Interesse der Bürger handeln oder gegen sie arbeiten.

Ob Netzsperren oder Verbot von Killerspielen, es geht um Zensur. Zensiert werden soll alles, was man selbst nicht versteht, was gegen den selbstdefinierten “guten Geschmack” verstößt. Es geht um die Verstummung einer ganzen Generation und ihrer Kultur. Diese Situation gab es vor jedem großen Umbruch, wenn der alte Status quo von neuen Ideen bedroht wurde. Was wir sehen, ist das hilflose Aufbäumen eines Giganten, der bereits im Sterben liegt. Dieses Jahr geht es um Wahlen in Deutschland – lasst uns zeigen, wo die Generation C64 steht.