Jane Fonda und ich
von Sandra
Ich hab schon einige schlimme Jobs gemacht: Marktforschung zum Beispiel. Wildfremde Menschen auf der Straße ansprechen und sie nach ihren intimsten Ansichten fragen ist schon ziemlich furchtbar. Gesteigert wurde das nur durch den Auftrag eines großen Kosmetikunternehmens, dass wissen wollt, wer eigentlich genau der Käufer, oder in diesem Fall die Käuferin, einer High End-Anti-Falten-Creme, die damals von Jane Fonda oder so beworben wurde, ist. Das bedeutete für mich 9 Stunden in einer Drogerie in einem großen Einkaufszentrum in Mülheim/Ruhr stehen und das Regal, in dem die Creme stand im Auge behalten.
Problem 1: Kaum jemand kaufte diese Creme – durchschnittlich zwei Frauen pro Tag hatten sie in der Hand. Ich sollte aber nur die ansprechen, die die Creme tatsächlich in den Einkaufswagen legten. Das waren an drei Tagen genau drei. Diese musste ich dann zur Creme befragen. Ob sie diese Creme schon mal verwendet haben, wie sie auf das Produkt aufmerksam wurden und so weiter. Meine Lieblingsfrage in diesem Bogen (dem sogenannten Screener) war allerdings: Wie würden Sie Ihre Haut beschreiben?
a) kaum faltig
b) ein wenig faltig
c) sehr faltig
Problem 2: Ich musste 9 Stunden pro Tag (ausgenommen eine Stunde Mittagspause) stehen. Auf der Stelle! Ohne etwas zu tun zu haben! In schicken Schuhen! Für alle Männer: Schicke Schuhe sind NIE bequem, schon gar keine 9 Stunden im Stehen am Stück. Machen wir kurz den Versuch: Stellen Sie sich bitte vor ihren Schreibtisch, Sofa, Bett oder wo Sie sich gerade befinden und starren sie auf einen Fleck. Und jetzt stellen Sie sich also vor, sie müssten das 9 Stunden am Stück machen! Waterboarding im Ruhrgebiet.
Problem 3: Die klimatischen Bedingungen. Es war Hochsommer – aber nicht in dieser Drogerie. Die Klimaanlage war auf ungefährt 15 Grad eingestellt, was, wenn man von draußen bei über 30 Grad das Geschäft betrat, sicherlich angenehm war. Das gilt aber nicht, wenn man mehrere Stunden in diesem Geschäft ohne jegliche Bewegung stehen muss. Ergebnis war: Ich hatte ab dem zweiten Tag eine tierische Erkältung und trug Schal, was zur Folge hatte, dass mich sämtliche Kunden mit Blicken, wie “Was geht?”, “Oh mein Gott eine Geisteskranke!” und Fragen, wie “Ist Ihnen kalt?” bedachten.
Problem 4: Die Langeweile. 9 Stunden, das sind 540 Minuten oder 32400 Sekunden und ich habe jede einzelne Sekunde gespürt. Nicht nur in den Füßen, sondern vor allem im Kopf. Ich durfte mich ja nicht von der Stelle bewegen – ich musste ja die verdammte Anti-Falten-Creme im Auge behalten. Ich durfte moich nicht hinsetzen, nicht lesen (weil ich ja dann eine der zahlreichen Kundinnen hätte übersehen können), nicht Musik hören (war ja irgendsowas wie die offizielle Vertreterin des Kosmetikunternehmens) und nicht reden. Wenn mich also Kunden dieses Geschäfts ansprachen, wo denn die Fußpilzcreme sei, hätte ich sie ignorieren müssen. Hab ich aber nicht, denn erstens erwachte das Bedürfnis nach Abwechslung und Kommunikation in mir, und zweitens wollte ich rausfinden, warum mich diese Menschen ansprachen. Sah ich doch keineswegs aus, wie der Rest der Angestellten. Die trugen nämlich geschlossen einen weißen Kittel, ich hingegen wahrscheinlich eine Jeans und einen so angepissten Gesichtsausdruck, der eigentlich jegliche Kreatur auf diesem Planeten eher davonrennen, als nach Intimpflegeprodukten fragen lässt – kurzum: Ich trug keinen Kittel. An Tag drei beantwortete ich also höflich und durchaus kompetent Fragen zu Sonnenschutzmitteln und Schampoo, wies den Weg zu den Schuheinlagen und riet vom Kauf der Billigwindeln ab. Außerdem entwickelte ich mich zum wohl besten unbezahlten Mitarbeiter, den die Drogerie je hatte. War ich doch Produkte-im-Regal-nach-vorne-Zieherin und Kaufhausdedektiv in einem. Keiner hätte sich in jenen Tagen jemals gewagt Gesichtscreme zu klauen! Deswegen wunderte mich auch, dass ich am letzten Tag keinen unbefristeten Arbeitsvertrag abgeboten bekam, hatte ich mir doch ein so schönes hämisches luzifereskes Lachen zurechtgelegt. Gelernt habe ich in diesen drei Tagen, aber was es heißt Schmerzen zu haben – körperlich, wie geistig – und das es viel langweiligeres gibt, als auf Sitzungen mit den dümmsten Fragen ever zu sein, denn da kann man zumindest sitzen. Außerdem sah ich bei meinem Madridbesuch vor kurzem folgenden Job und fühlte mich an meine Anti-Falten-Creme-Zeit erinnert und war mal wieder heilfroh, dass jene in der Vergangenheit liegt und so der Arbeitsmarkt und die Finanzkrise will, auch bleiben wird.
